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Plattenbergwerk Engi

2022-05-05

Staunend und überwältigt stehen wir vor diesen Kathedralen im Berg, durch die spärlichen Scheinwerfer in geheimnisvolles Licht und Schattenspiel getaucht, zwanzig, dreissig Meter hoch wie leicht gekippte gotische Kirchenschiffe und dann nach einer weiteren Treppe eine Halle mit einem verwunschenen See in den ein kleiner Wasserfall sprüht. Immer wieder tun sich neue Räume auf mit den regelmässig gebänderten Schichten oder glatten Schieferflächen. Und das alles ist nicht, wie bei den Höhlen die wir vielleicht schon besucht haben, von Wasser über Jahrtausende ausgespült worden, sondern in mühsamer Plackerei von Menschen Schicht um Schicht abgebaut worden.

Unser Führer Max Hauser begrüsst über dreissig interessierte Senioren an der Postautohaltestelle. Zuerst gilt es den Berg hinauf zu gehen zum Stolleneingang. Auf dem steilen Weg halten wir immer wieder an für Erklärungen des Führers: Dass diese Schutthalden zum grossen Teil Ausbruchmaterial des Berges sind, denn für die Weiterverwendung wären nur 10 % des Schiefers brauchbar. Oder: Dass die ganzen Platten während Jahrhunderten den Berg hinunter geschleift oder getragen wurden und erst in den letzten Jahren eine Seilbahn half. Und im Berg innen erzählt der Führer ebenso interessant, von Minenarbeitern die im dichten Staub, Feuchte und bei spärlichem Licht elf Stunden Schwerstarbeit verrichten und nach Feierabend einen grossen Teil des kärglichen Lohns in den auch den Bergwerksbetreibern gehörenden Beizen wieder versoffen.

Beeindruckt steigen wir wieder in den Talgrund ab. Längs der Sernf führt ein bequemer Weg talauswärts, abwechslungsreich durch Bergwiesen. Die vielen Felstrümmer und Bergahorne geben einen parkartigen Eindruck, wenn auch die Bewirtschafter gerne auf das malerische Bild verzichten könnten. Auf grossen Schuttkegeln wachsen Birken im hellgrünen Frühlingslaub und kontrastieren mit den fast schwarzgrünen Fichten. Im wilden Fluss liegen teils schön geschliffene Felstrümmer mit auffälliger roter Farbe, die wir inzwischen mit dem Wissen von vorher als Verrucano identifizieren. Nach der Flussüberquerung und einer leichten Steigung geht es auf einem Weglein wieder abschüssig hinunter zu einem Ort der als Lochsite bekannt ist.

Uninformierte könnten es einfach für einen Felsüberhang halten, wie man viele antrifft. Aber hier wurde der Beweis angetreten für die Glarner Hauptüberschiebung – inzwischen UNESCO Welterbe – die ja Interessierten von der deutlichen Linie an den Tschingelhörnern bekannt ist. Hier liegt der 270 Mio. Jahre alte, überhängende Verrucano über dem nur 35 Mio. Jahre alten weichen Flysch – einen Teil jenes Gesteins das wir zusammengepresst und gefaltet im Bergwerk angetroffen haben. Getrennt werden die beiden Gesteine durch eine nur zentimeterdicke Schmierschicht von Lochsitekalk, in der Mitte eine deutliche, millimeterdicke Spalte, die Gleitfläche des überschobenen Gesteins. Diese ganzen Verschiebungen und Faltungen wurden durch das Zusammenstossen der afrikanischen Platte auf Europa verursacht, was die Bildung der Alpen zur Folge hatte. Interessant ist der Umstand, dass diese geologische Ursache der Kontinentalverschiebung erst 120 Jahre nach dem Beweis der Lochsite und 50 Jahre nach der Idee von Wegener, dass die Kontinente wie Eisplatten auf dem flüssigen Erdkern schwimmen, von den Geologen anerkannt wurde. Nach kurzer Zeit und einigen unbedeutenden Regenspritzern erreichen wir Schwanden zum Abschluss dieser eindrucksvollen Exkursion.


Bericht: Hansruedi Rutz

Bilder: Eva Hehli, Hansruedi Rutz, Ruedi Flotron

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